Nachruf
auf
Lotte Johanna Lina Frieda Wilma Korf geb. Jürhs zu Klockenhagen
Meine Mutter, Lotte Johanna Lina Frieda Wilma Korf geborene Jürhs zu Klockenhagen, Kreis Rostock , wuchs im elterlichen Rittergut Klockenhagen und Sievershagen im Kreis Rostock als Tochter des Landvogts Rittmeister Wilhelm von Jürhs und seiner Frau Elfriede auf.
In den Zeiten des Dritten Reiches machte Sie den Realschulabschluss und absolvierte eine Ausbildung zur Einelhandelskauffrau. Sie wurde Leiterin der BDM Rostock, bis ihre Eltern sich im Jahre 1936 scheiden ließen. Ihre Mutter heiratete erneut, diesmal den Bäcker- und Konditormeister Willy Witt aus Rostock. Aus dieser Verbindung entstand Lottes Halbschwester Ursula. 1944 verlobte Lotte sich mit einem Leutnant der Wehrmacht, der aber in Russland fiel. Als 1945 die russische Armee in Rostock einfiel, wurde Lotte von ihnen öffentlich ausgepeitscht und anschließend verschleppt, wochenlang von zahlreichen russischen Besatzern und ihren jüdisch-deutschen Handlangern misshandelt und missbraucht, bis sie schließlich kilometerweit von der Heimat entfernt ausgesetzt wurde. Mit Müh und Not schlug sie sich an weiteren Besatzungsverbänden vorbei bis zu ihrer Tante in Tessin, Kreis Rostock, bei der sie Unterschlupf fand und sich zumindest körperlich von den Unmenschlichkeiten der Russen und Juden erholen konnte. Die seelischen Verletzungen sollten zeitlebens aber nie mehr ausheilen.
1944 hatte sie bei ihrer Tante meinen Vater, Hermann Fritz August Korf kennen gelernt, der schwer verwundet aus dem Kursker-Bogen zurück gekommen war. Am 29 Dezember 1951 heirateten sie letztlich, obwohl Lotte psychisch aufgrund des Erlebten zu einer solchen Bindung nur zögernd fähig war.
In der sowjetischen Besatzungszone mussten sich beide aufgrund ihrer gehobenen Abstammung immer wieder schweren Angriffen der Besatzer erwehren und wurden sogar mehrfach im GPU-Keller der Stadt Rostock (jetziges Amtsgericht) eingesperrt und massiv misshandelt und gefoltert.
Viele ihrer Freunde waren bereits in den Westen geflohen, vor allem die engsten, wie Fritz Schwerdtfeger, die Gebrüder Willy und Hans Klingenberg und das Ehepaar Victor und Lotti Robaschewski und Fritz und Anni Schumm, die jetzt alle in Hagen/Westphalen beziehungsweise Berlin und Künzelsau lebten. Der Verlust traf beide schwer, dass sie anderen, nicht trauen konnten, bewies sich recht bald. Ein angeblicher Freund und Nachbar verriet ihr Treffen mit anderen Bekannten und dass mein Vater dabei auf dem Klavier das „Deutschlandlied“ gespielt hatte. Beide sollten erneut am nächsten Morgen verhaftet werden, doch ihnen gelang mittels eines alten Freundes aus Berlin-West, Dr. Günther John, die abenteuerliche Flucht über mehrere Etappen in die westliche Besatzungszone, von dort aus in das Auffanglager Friedland. Nach einigen Tagen erreichten sie das Notlager für Ostflüchtlinge in Heidelberg-Rothenberg.
Auf wenige Quadratmeter zusammengepfercht mussten sich mehrere Familien und Paare die Unterkünfte teilen, so entstanden neue Bindungen und Freundschaften. Die Familien Zieke-Qualmann, Lembke und Schmadtke, beide ebenfalls aus Mecklenburg und ihren Besitztümern verjagt, sollten beinahe zeitlebens die Freundschaft erhalten.
Lotte konnte den zusätzlichen psychischen Belastungen der Flucht und des Verlustes jeglichen Besitzes und heimatlichen Bindungen nur schwer standhalten. In den Folgejahren brach sie immer wieder nervlich zusammen, mehrere Selbstmordversuche folgten, obwohl die Verwandtschaft meines Vaters aus Schweden erhebliche finanzielle Unterstützung leistete.
Meine Geburt 1955 löste erneut schwere nervliche Schockwellen aus, mehrfach versuchte sie das Ereignis rückgängig zu machen.
In der Folgezeit pendelte sich das Leben ein, die neuen Freunde und regelmäßige ausgiebige Besuche in Schweden und Hagen bei den endlich wieder erreichbaren Verwandten und echten alten Freunden und deren Familien verhalfen wenigstens zeitweise zur Normalität. Die gegenseitigen freudvollen Besuche erinnerten an die guten alten Zeiten in der Heimat.
Doch mit den Problemen des wirtschaftlichen Alltags wurde Lotte nicht fertig, ebenso stellte sie meine Pubertät vor unüberwindliche Hindernisse. Sie wandte sich an alle möglichen dubiosen Geistheiler, Hellseher und Scharlatane, die nicht nur erhebliche finanzielle Geldmittel abschöpften, sondern auch den größten Blödsinn verzapften. Nichtsdestotrotz verließ sich Lotte auf diese Leute und tat oft prompt das Nicht- so- Richtige.
Aufgrund der schweren Kriegsverletzung meines Vaters konnte dieser in viele Bereiche des täglichen Lebens nicht eingreifen, sondern musste sich auf Aussagen meiner Mutter verlassen.
So bekam er viele der Schwierigkeiten nicht mit, musste sich aber unterschwellig ständig Sorgen machen.
In der Mitte ihres Lebens wurde es noch schwerer, mein Vater erkrankte massiv. Von nun an opferte sich meine Mutter für die Pflege meines Vaters auf, sie erlitt zahlreiche Stürze, Brüche und gesundheitliche Beschwerden. Viele dieser gesundheitlichen Erkrankungen waren auf die schweren Misshandlungen in der Nachkriegszeit zurück zu führen. Ihre Psyche machte sie manisch depressiv, sie wurde nicht nur misstrauisch gegenüber allem und jedem, sondern argwöhnisch und teils feindselig besonders gegenüber nahen Bekannten und Teilen ihrer Familie. Leider gingen daher auch viele der bis dahin guten Freundschaften verloren, obwohl sie zeitlebens wegen ihrer zuvorkommenden Freundlichkeit, absoluten Höflichkeit und Opferbereitschaft bei allen gerühmt wurde.
Nach dem Tode ihres Mannes am 27. 10. 1997 verfiel sie zusehends körperlich und geistig, ihr Lebenssinn bestand einzig daraus, sich um das Grab zu kümmern. Daraus resultierte, dass sie zahlreiche gravierende Klinikaufenthalte hinnehmen musste, sodass sie letztendlich nach einer erneuten Nierenvergiftung am 23.12. 2007 im Seniorenheim St. Elizabeth in Hockenheim dicht bei Sohn und Enkelkindern untergebracht werden musste.
Hier hatte sie bis zu ihrem Lebensende eine bestens versorgte und geborgene Unterbringung. Von nun an nahm sie regelmäßig ihre Medikamente und Mahlzeiten ein. Ihr angeschlagenes Herz mit einem Herzschrittmacher, ihre kaum noch vorhandenen Schrumpfnieren, ihre beiden künstlichen Hüftgelenke und der schwerwiegende Narbenbruch der Herzoperation konnten hier bestens versorgt werden. Auch ihre starke Gehbehinderung und die aufgrund der Gicht stark eingeschränkte Beweglichkeit der Hände und gebrochener Arme wurden hier endlich ausgiebig berücksichtigt. Ihre Psyche versetzte sie immer wieder in die schreckliche Vergangenheit, die Gegenwart konnte sie jedoch kaum noch richtig einschätzen. So verlor sie auch beinahe jeglichen realen Kontakt zur Außenwelt. In den letzten Monaten wurde ihr eine Betreuerin zur Seite gestellt, da ihr Gedächtnis und Urteilsvermögen zusehends erheblich weiter abgenommen hatte.
Trotz aller Fürsorge fiel sie am Vormittag des 07.06.2010 so unglücklich, dass sie am 08.06.2010 um 04.30Uhr im Klinikum Mannheim an einer Hirnblutung verstarb.
Hermann Ulrich Per Korf