in memory of Hermann Fritz August Korf geb. 04.01.10923 gest. 27.10.1997
Nachruf
auf
Hermann Fritz August Korf
Hermann Fritz August erblickte am 04. Januar 1923 in Tessin, Landkreis Rostock, als jüngstes von drei Kindern das Licht der Welt.
Als Sieben - Monatskind wog er lediglich drei Pfund und litt als Folge davon in den kommenden Jahren an schwerem Asthma. Mit sechs Jahren erkrankte er an Scharlach, dem auch noch sogleich Mumps und Masern folgten und trug eine derartige Herzschwäche davon, daß er nur mühsam in vielen Kuraufenthalten am Leben erhalten und gestärkt werden konnte.
Mit zehn Jahren besuchte er eine Privatschule, dann die Mittelschule und machte seinen Realschulabschluß. Anschließend absolvierte Hermann eine Lehre zum Holzkaufmann mit dem Abschluß „sehr gut“.
Leider verlor er mit zwölf Jahren seinen über alles geliebten Vater aufgrund dessen schweren Herzfehlers, seitdem war seine Kindheit getrübter. Dennoch erlebte er seine Jugendzeit mit vielen, auch heute noch bestehenden Freundschaften trotz der Wirren zwischen den Weltkriegen auf so eindrucksvolle Art und Weise, daß er sogar noch in den Zeiten seiner allerschwersten Krankheitsphase innerlich und gedanklich fest mit seiner Jugend und seinen Freunden in Tessin verbunden war.
Mit zwanzig Jahren wurde er dann als junger Unteroffizier im Sanitätsdienst an der Ostfront im Kursker Bogen in der Nähe von Orel, bei dem Versuch seinen Kameraden medizinische Hilfe zu leisten, mehrmals schwer verwundet. Er erblindete auf dem linken Auge vollständig, rechts zu über neunzig Prozent. Mehrere Granatsplitter trafen ihn in den Rücken, einige verkapselten in der Hüftgegend und im Schädel, die ihm sein ganzes weiteres Leben noch zu schaffen machten. Zudem erlitt er ein schweres Risma am linken Oberschenkel und war kurz vor dem Verbluten. Nur der Gedanke an seine trauernde Mutter ließ ihn die Strapazen überstehen und sich durch die eigenen Minenfelder unter weiterem Granatwerferbeschuß schwer verwundet zurückschleppen. In den folgenden Lazarettaufenthalten, zuerst an der Front, dann in die Nähe der Heimat zurückverlegt, kämpfte er tapfer mit den Folgen seiner großen Verletzungen.
Nachdem er als Schwerkriegsbeschädigter nach Hause entlassen worden war, lernte er seine spätere Frau, Lotte Jürhs, kennen und lieben. Doch die einmarschierenden und vandalisierenden Rotarmisten zerstörten die Ruhe und die Lebensfreude erneut in ihm. In den Jahren der sowjetischen Besatzung mußte er mehrfach in den Kellern der GPU unter Folter und Qualen leiden, konnte schließlich in letzter Sekunde mit seiner Frau, aufgrund der Hilfe eines wertvollen Freundes aus Berlin, mit einem winzigen Koffer und sonst nur dem, was sie auf dem Leibe trugen in den Westen fliehen.
Hier lebten sie mit vielen anderen in Durchgangslagern und landeten schließlich in einem Lager in Rotenberg bei Heidelberg. Seine Kriegsversehrtheit behinderte ihn in seinem folgenden Leben extrem an dem Wiederaufbau einer Existenz, seine Abhängigkeit von anderen war ihm stets ein schweres Los. Die Geburt seines Sohnes, dessen Aufwachsen und Großwerden zu erleben, war sein wichtigster Lebensinhalt geworden. Er gab ihm alles weiter, das ihm für das Überleben in dieser Welt wichtig und für die richtige Findung der Inneren Werte unabdingbar erschien. Mühsam aufgrund seiner Behinderungen, unterstützte er seinen Sohn in schulischen Dingen.
Doch, seit 1960 litt er unter beidseitigem Tinitus und selbst zahllose Behandlungen konnten nicht verhindern, daß sich im Jahre 1962 die Schädeldecke zu verformen begann und kinderfaustgroße Eindellungen auftraten. 1967 traf ihn wiederum das Schicksal: während eines Urlaubs in Holland verschlechterte sich sein Sehvermögen abrupt, er litt unter ständigen Geräuschen in beiden Gehörgängen und wurde nervös und noch unsicherer. Im gleichen Jahr wurde bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert der zweimalig, zum Glück endgültig operativ entfernt werden konnte.
Er freute sich, seine Mutter bis zu ihrem Tode im 93. Lebensjahr selbständig pflegen zu können, und so oft er nur konnte in ihrer Nähe sein zu dürfen, sie war das Bindeglied zu seinem geliebten Vater.
Verwandtschaft, seine in Schweden lebende Schwester mit Familie und seine guten Freunde, bedeuteten ihm sehr viel, an ihnen hing er bis zuletzt.
Er erfreute sich an seinen Enkelkindern, von denen eins leider ebenfalls zu seinem großen Kummer schwer erkrankte und ihm das Lächeln erschwerte. Einen großen Schock mußte er schließlich bei dem sehr schweren Unfall seines Sohnes erleiden, und er fieberte dessen Genesung entgegen, wie er stets bei Erkrankungen seiner Nächsten zutiefst besorgt stets die richtigen Entscheidungen gefällt hatte.
Doch das Schicksal ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, denn seit 1987 litt er unter seither immer intensiver auftretender Morbus Parkinson. Während ihn seine, ihn stets mütterlich umsorgende Frau die längste Zeit der Krankheit zu Hause versorgte, mußte nach ihrem eigenen Unfall dann die Hilfe von Pflegediensten in Anspruch genommen werden, blieben Hermann Fritz August mehrere stationäre Aufenthalte in verschiedenen Kliniken nicht erspart. Er, der die Freiheit und Natur, das Wandern und die Geselligkeit über alles geliebt hatte, war nun zur Abhängigkeit und Bewegungseinschränkung in größtem Ausmaß verdammt.
Noch einmal durfte er im Jahre 1990 seine alte Heimat wiedersehen, sein Mecklenburg: den Verlust seiner Heimat und der Zurückgebliebenen hatte er nie ganz verwunden. Daher war seine Freude beinahe unermesslich, als es ihm noch einmal gegönnt war, auf alten Wegen die alten Zeiten
vor Ort seinem Sohn zeigen zu können, alte Freunde endlich wieder umarmen zu können.
Gerne hätte er diesen Besuch in die Vergangenheit wiederholt, aber sein Schicksal ließ das nicht zu.
Der leider unumgänglich gewordene feste Aufenthalt im Pflegeheim war für ihn Isolation, trotz der sehr häufigen Anwesenheit der Angehörigen und Freunde. Immer wieder hoffte er, aus seinen Halluzinationen entfliehen und nach Hause zurück zu können. Er vermißte seine gewohnte Umgebung, doch stets warfen ihn gesundheitliche Rückschläge wieder nieder, zwangen ihn in den Rollstuhl und zur beinahe vollständigen Unbeweglichkeit, trotz seines starken Willens. Sein Leiden traf ihn schwerer, als er seinem Umfeld zugeben wollte, nur in einigen Momenten gestand er sich selbst seine Qualen ein, die er ansonsten hinter seiner eigenen Welt der Erinnerungen zu vergessen suchte. Bis zu seinem Einschlafen im Pflegeheim am frühen Mittag des 27. Oktober 1997 galt sein Augenmerk dem Wohlergehen seiner Frau, seines Sohnes und den nahe Verbundenen, waren sie ihm oft der einzige Lichtblick in seinen Ängsten und Nöten.
Hermann Fritz August hat sein Leben unter vielen Leiden als großherziger, stets aufrechter und für die Gerechtigkeit eintretender Mensch gelebt. Immer auf das Gute im Menschen bauend und mit dem Willen zu vermitteln hatte er sein Leben lang das richtige Ohr für die Sorgen seiner Umgebung.
Wir alle, die wir die große Chance hatten ihn kennen zu dürfen, haben einen unschätzbaren Verlust erlitten.
Heidelberg, den 27. Oktober 1997
Seine Familie